OUTDOOR & SPORT: NATUR PUR? ODER DOCH NICHT?

TEXT Ornella Sonderegger

 

Outdoor-Enthusiasten und das Grüne – in München eine immerwährende Liebesgeschichte. Doch gerade bei Sportmode prallt Chemie auf Nachhaltigkeit. Verbraucher fordern Lösungen.

Wer als Outdoor-Sportler in Deutschland immer noch auf der Suche nach einer idealen Heimat ist: Als Großstadt wäre das dann wohl München. Ob Wettersteingebirge, Ammergauer Alpen oder Karwendel – die Münchner Hausberge eröffnen unbegrenzte Möglichkeiten: Klettern, Skitouren, Bergsteigen, Mountain Biking, Wassersport.

Doch die Liebe zur Natur kann diese auch zerstören. Was wäre eine Bergtour im Hochgebirge ohne die letzten Meter über einen mächtigen Gletscher? Und was die letzte Skiabfahrt des Tages, die nicht über künstlich beschneite Pisten in der Talstation beendet werden kann? Und auch die beliebte Funktionskleidung kann nicht gerade bei der Umweltfreundlichkeit punkten.

Doch so langsam lassen Klimawandel und Umweltverschmutzung viele Verbraucher umdenken – und die wiederum verlangen ein Umdenken der Branche. Das zeigt eine Ende 2018 durchgeführte Studie der Fashion RevolutionOrganisation: 88 Prozent der 5.000 Befragten aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien fordern von Mode-Unternehmen ein, dass Sustainability-Strategien implementiert werden. „Für den Sport ist die Erhaltung der Umwelt sehr wichtig, weil er ganz einfach irgendwo stattfinden muss“, sagt Steve Richardson, Gründer des ökologischen Start-Ups Material Steps. „Wir brauchen Orte, um Spaß zu haben. Ohne die Umwelt? Was haben wir dann noch?“ Die Idee des gebürtigen Amerikaners ist es, mit Sportartikelherstellern daran zu arbeiten, Materialbewusstsein zu schaffen und Produktionsketten nachhaltiger zu gestalten.

Patagonia macht’s vor

Immer mehr Unternehmen erkennen, wie wichtig nachhaltige Produktion ist und versuchen, naturbewahrende Konzepte umzusetzen. So auch der Outdoor-Ausrüster Patagonia. Bio-Baumwolle und
100 Prozent recyceltes Nylon sind fester Bestandteil der Kollektionen. Patagonia-Chefin Rose Marcario: „Wir sind zwar nicht perfekt, aber wir versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen, um dadurch auch auf unsere Mitbewerber Druck auszuüben.” Schon 2011 machte das US-Unternehmen aus Kalifornien mit seiner Kampagne „Don’t buy this jacket“ auf den Konsumwahn aufmerksam. Patagonias Philosophie zufolge sollte Sportmode so lange wie möglich im Einsatz sein, bevor sie im Kleidermüll landet und Neues angeschafft wird. Ein ähnliches Reuse & Recycle-Prinzip steckt hinter der Worn Wear Tour. Konsumenten können an verschiedensten Stationen quer durch Europa ihre kaputte Kleidung aller Marken kostenlos reparieren lassen. Auch in München legt das Worn Wear Mobil einen Stopp ein. Schließlich hat Patagonia hier in der Leopoldstraße einen seiner ersten Stores in Europa eröffnet. Mittlerweile gibt es europaweit acht davon, unter anderem auch in Innsbruck.

ISPO München wird zur Nachhaltigkeitsplattform

Dass der Sportsektor immer umweltbewusster wird, zeigt sich auch auf der ISPO München. „Nachhaltigkeit ist zu einem absoluten Muss für die Outdoor-Hersteller geworden. Auch, oder gerade weil die Branche so sehr mit dem Planeten und der Umwelt verbunden ist, sind die globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Plastikmüll und Artensterben ein zentrales Thema”, so Markus Hefter, Exhibition Group Director der ISPO München. Die weltweit größte B2B-Messe im Sport-Business stellt Fachbesuchern jährlich die neuesten Entwicklungen der Branche vor. Auf dem Messegelände München-Riem werden in acht Hallen Artikel und Mode aus Bereichen wie Health&Fitness, Snowsports oder Outdoor präsentiert. Auch dem Thema Nachhaltigkeit wird eine eigene Fläche gewidmet: Beim sogenannte CSR Hub & Sustainability Kiosk legen Firmen wie Vaude und Icebug unter dem Motto Gutes tun und darüber reden offen, wie Outdoor-Unternehmen ökologisch und nachhaltig wirtschaften können. Zusätzlich gibt es Führungen, bei denen die neuesten Produkte rund um Biodegradability und bio-based Materials vorgestellt werden.

Auch auf der Sondermesse Outdoor by ISPO, die Anfang Juli 2019 erstmals für vier Tage in München stattfand, zeigten sich klare Bestrebungen für ein ökologischeres Handeln. „In den  vergangenen Jahren haben recycelte Materialien als umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Nylonfasern bereits ihren festen Platz in den Outdoor-Bekleidungskollektionen gefunden. Doch nicht nur in puncto Materialien ist ein generelles Umdenken erkennbar: Nachhaltigkeit findet mehr und mehr ihren Platz in den kompletten Arbeitsabläufen und Unternehmensphilosophien”, resümiert Markus Hefter. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, Menschen für Outdoor zu begeistern, sie zu vernetzen und für die Umwelt-Thematik zu sensibilisieren.

 

Sustainability als Firmenphilosophie

Jährlich verleiht eine Expertenjury den ISPO Sustainability Award. Dabei ist ökologische Nachhaltigkeit neben Innovation, Design und Funktionalität eines der Hauptbewertungskriterien. 2019 erhielt das niederländische Label Cortazu im Bereich Outdoor Apparel einen der Gold-Awards. Die beiden Mitbegründer Wiebe Poelmann und Wouter de Roy van Zuidewijn setzen auf umweltfreundliche Produktionsbedingungen und Erschwinglichkeit. Sie verkaufen direkt an Konsumenten, um lange Transportwege zu vermeiden und gleichzeitig ein faires Preislevel für ihre Ware zu schaffen. „Als wir vor zwei Jahren unser Label gründeten, hatten wir die Vision, eine Brand zu schaffen, die die Leute inspiriert, nach draußen zu gehen und dabei gleichzeitig die Welt ein wenig zu verbessern“, so Wiebe Poelmann. Die Recycled Nylon 3-layer-Jacke von Cortazu konnte die Jury schlussendlich überzeugen. Für Cathy O’Dowd, Jurymitglied und erste Frau, die den Mount Everest von der Nord- und Südseite bestiegen hat, ist das neue Materialbewusstsein entscheidend: „Eines der wichtigsten Entscheidungskriterien sind wiederverwertbare Materialien. Wir haben viele innovative Alternativen gesehen, die uns im Kampf gegen Plastikmüll voranbringen können.“

 

Cortazu schafft Innovation. Die Recycled Nylon Jacke gewann den ISPO            Sustainability Award. Foto: Cortazu


Die große Materialfrage

Denn ausgerechnet Plastik ist in der Domäne der Naturliebhaber ein Riesenproblem, was zum Paradoxon führt: Ein und dieselbe Branche engagiert sich intensiv beim Thema Nachhaltigkeit – und bringt gleichzeitig fragwürdige Textilaufrüstungen auf den Markt. Erdöl-basierte Synthetikfasern wie Polyester bieten Wärmeisolation, sind leicht, knittern kaum und werden deshalb als Funktionswunder angepriesen. Offenbar mit Erfolg: Laut der European Outdoor Group wird sich der Umsatz der Sport- und Outdoor-Branche 2019 auf etwa 12,8 Milliarden belaufen, der durchschnittliche Erlös pro Kunde kommt dabei auf circa 113 . Das ergibt ein Plus von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Dass viele dieser Sportartikel sich aus umweltgefährdenden und gesundheitsschädlichen Stoffen zusammensetzen, wird noch viel zu selten thematisiert. Die beispielsweise in Gore-Tex versteckten per- und polyfluorierten Carbone (PFCs) werden wegen ihrer wasser- und schmutzabweisenden Funktion oft eingesetzt, sind jedoch kaum abbaubar und zudem krebserregend. Werden feine Fasern, zum Beispiel beim Waschen, freigesetzt, gelangen PFCs ins Wasser und somit in die Umwelt. Heute lassen sich PFC-Verbindungen an kuriosen Orten nachweisen, zum Beispiel in Lebensmitteln, der Leber von Eisbären oder den Naturschutzgebieten Patagoniens. Kein Wunder, denn rund 10.000 Tonnen davon werden jährlich zur Beschichtung von Funktionskleidung eingesetzt.

 

Kurz vor zwölf: Höchste Zeit für Lösungen

Ökologischere Alternativen sind längst bekannt, aber auch kostspieliger. Lyocell, auch Tencel genannt, ist eine aus Eukalyptusholz industriell hergestellte Faser und somit biologisch abbaubar. Gutes Feuchtigkeitsmanagement und Geruchsneutralität zeichnen die atmungsaktive Öko-Faser aus, die sich dadurch perfekt für die Herstellung von Wanderjacken, Laufshirts oder Kletterhosen eignet. Nachhaltige Materialien wie dieses sind für die Hersteller mit all den notwendigen Zertifizierungen zehn bis 15 Prozent teurer als bisher verwendete. Verkraftbar, der Natur zuliebe. Was den plötzlichen Paradigmenwechsel in der Branche aber tatsächlich vorantreibt, sind die Kunden. Journalistische Aufklärungsarbeit, Negativschlagzeilen und erste sich bemerkbar machende Klimafolgen geben den Verbrauchern Anstöße, mehr Transparenz von den Sporttextilherstellern zu fordern. Unternehmen mussten dringend reagieren. Dies zeigt sich schon jetzt beim diesjährigen Fashion Transparency Index: Adidas, Reebok und Patagonia führen die Liste mit über 60 Prozent der erreichbaren Punktzahl an. 2017 konnte keine der knapp 150 analysierten Marken überhaupt die 50-Prozent-Grenze knacken – ein bedeutender Schritt.

Viele Outdoor-Unternehmen haben gemerkt, dass Anforderungen an Kleidung komplexer werden und ihr bisheriges Geschäftsmodell so nicht weiter bestehen bleiben kann. Schon lange Pionier im Sustainability-Denken ist der deutsche Sportartikelhersteller Vaude. 2015 wurde das Familienunternehmen beim deutschen Nachhaltigkeitspreis zur nachhaltigsten Marke Deutschlands ausgezeichnet, 2019 erreichte es beim bundesweiten Ranking der Nachhaltigkeitsberichte Platz 1 für beste Transparenz. Ausruhen will sich Chefin Antje von Dewitz aber trotzdem nicht: Bis 2020 sollen alle Vaude-Kollektionen PFC-frei sein.

Auch der Münchner Funktionsspezialist Sympatex ist Vorreiter mit seinem nachhaltigen Unternehmensfahrplan. Schon 2017 präsentierte die Marke eine klimaneutrale Funktionsjacke, die gleichzeitig recycled und recyclebar ist. Bis 2030 sollen all ihre Laminate einem komplett recyclebaren Kreislaufsystem entstammen, heißt: Ihre Rohmaterialien sollen in Zukunft zu 100 Prozent aus zirkulär gewonnenen Alttextilien hervorgehen.

Vor welcher Herausforderung Sportausstatter nun stehen, gleicht der Besteigung der Zugspitze durch die Höllentalklamm. Tragekomfort und ansprechendes Design müssen neben ökologischem Materialeinsatz gewährleistet bleiben, Produktionsketten müssen zu Kreislaufsystemen umfunktioniert werden und die Ware muss fair und transparent zum Kunden gelangen. Wer schon einmal einen solchen Berg bestiegen hat, weiß eines ganz genau: Es kostet zwar einiges an Kraft, lohnt sich aber am Ende umso mehr.

Stand 2019

Titelfoto: Cortazu