MAMA, SO GEHT DAS NICHT!

TEXT Franziska von Oppenheim 

Hierarchien verschwinden zunehmend, und der Alltag wird neu verhandelt. Ein direkter Vergleich der Alltagsgegenstände einer 19- und einer 56-Jährigen.

Eltern in Frage zu stellen, sie zu kritisieren oder ihnen sogar Ratschläge zu geben, wie sie etwas besser machen könnten – das traute sich zuletzt bewusst die 68er Generation. Die nachfolgenden Töchter und Söhne blieben eher ruhig – bis jetzt: Die aktuelle Teenager-Generation hält von stummem Protest nicht viel, sondern fordert lautstark Veränderungen ein. Schülerinnen und Schüler gehen auf die Straße statt in Mathe – und mischen auch zuhause alles auf. „Wieso hast du keinen eigenen Beutel mitgenommen?“, fragt eine ca. 14-Jährige ihre Mutter an der Supermarktkasse, um dann die einzelnen Einkäufe kritisch zu kommentieren:  „Der Käse ist ja doppelt in Plastik verpackt. Gab es das nicht anders?“

Mit inquisitorischen Fragen wie diesen sehen sich Eltern und Erwachsene heutzutage konfrontiert. Auch wenn der unerbittliche Tonfall manche schlucken lässt (haben sie nicht mit genau dieser humorlosen Kompromisslosigkeit den Nachwuchs noch vor kurzem aufgefordert, endlich das Licht auszumachen?), müssen sie sich eingestehen: Die Kinder, sie haben recht. 

Unsere Gewohnheiten
Aber man hat eben schon immer so eingekauft. Es sind Gewohnheiten: Die Handgriffe im Supermarkt sind routiniert, im Kopf wird die Einkaufsliste abgearbeitet, ohne zu schauen, ob vielleicht daneben ein ökologisch wertvolleres Produkt steht. Nachhaltigkeit bedeutet auch, zweimal hinzuschauen, intensiver nachzudenken, bewusst zu handeln, vielleicht sogar einen weiteren Laden mit nachhaltigeren Alternativen aufzusuchen. Nicht leicht für auf „Schnell-schnell“-geeichte Multi-Taskerinnen, in deren Zeitbudget die Rubrik „Einkauf“ bisher bestimmt nicht die größte war – und auch nicht werden kann.

Das neue Vorbild der Generation Z
Hilft alles nichts, genau diese Mütter wissen es ja am besten: Wenn ein Kind etwas will, ist es hartnäckig und gnadenlos ehrlich. Es wird nicht aufgeben, bevor die Eltern es so machen, wie sie es wollen. Jüngstes Extrem-Beispiel: Greta Thunberg. Das Gesicht der heranwachsenden Generation (oder ist diese mittlerweile schon `Generation Greta`?). Sie steht für den Umbruch. Sie ist gleichzeitig ein Segen und ein Dorn im Auge der Großen und Mächtigen; nur eins ist sie nicht mehr: wegzudenken. Die schwedische Klimaschutzaktivistin wurde 2018 bekannt durch Schulstreiks für eine konsequentere Klimapolitik, wodurch sich eine globale Bewegung „Fridays for Future“ entwickelte. Mittlerweile gehört Greta zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2019, wurde aber auch oft von der Presse verrissen, aufgrund ihres Asperger-Syndrom. „Ich sehe die Welt etwas anders, aus einer anderen Perspektive. Ich habe ein besonderes Interesse. Es ist sehr üblich, dass Menschen im Autismus-Spektrum ein besonderes Interesse haben.“

Ihr Weg kostete sie und ihre Familie viel Energie und Nerven, denn Greta nötigte die Eltern mit Hilfe von Videos, Artikeln und endlosen Gesprächen, Verantwortung zu übernehmen: „Ich brachte sie dazu, sich schuldig zu fühlen.“ Harte Worte von einer 16-Jährigen. Familie Thunberg hat nicht nur auf vegane Ernährung umgestellt, sondern verzichtet auch aufs Fliegen, wofür die Mutter, Malena Ernmann, ihre Karriere als Opernsängerin an den Nagel hängen musste. Aber halbe Sachen gehen für Greta eben nicht: Ein bisschen nachhaltig sein funktioniert nicht.

 

Dass Nachhaltigkeit eine komplette – und komplett neue – Lebenseinstellung ist, die deshalb nicht von heute auf morgen konsequent praktiziert werden kann, muss berücksichtigt werden. Wir sind anders groß geworden als unsere Eltern und Großeltern. Ihre Herausforderungen waren nicht der Klimawandel und Meeresvermüllung, sondern Kriege und Überleben, Hunger und Mangel.

 

Das Thema Klimaschutz bringt derzeit die verschiedenen Generationen in einen enormen Konflikt.  Als zu ungebildet, zu unselbstständig, zu unpolitisch wurde die Generation Y und Z  immer wieder abgestempelt. Aufgewachsen mit Helikoptermüttern und -vätern, die sich Babypausen nehmen, kommen die aktuellen rebellischen Stimmen eher überraschend – zumindest für jene Elterngeneration. Während wir mit unseren Eltern ein eher freundschaftliches Verhältnis pflegen, war deren Jugend noch von einer häuslichen Hierarchie geprägt. Den Eltern Kontra geben? Unmöglich. Junge belehren die Alten? Undenkbar. Doch die Zeiten haben sich geändert – trotz flacheren Rangordnungen zwischen Eltern und Kind. Oder gerade deshalb?

Probleme zu sichten, Themen offen anzusprechen und zur Diskussion zu stellen, nicht alles der Gewohnheit zu überlassen; das gehört zur DNA der neuen Generation. Früher ging es darum, nicht aufzufallen, keine Probleme zu bereiten, wegzuschauen und einfach zu funktionieren – Tugenden, die einem viel abverlangen, aber sicher keinen Mut. Wird dagegen die Wahrheit aus- oder angesprochen, werden die Dinge transparent, stehen Probleme deutlich im Raum – und es muss Verantwortung übernommen werden.

Und dabei darf es nicht mehr um alt oder jung gehen, schließlich wird jeder dringend gebraucht. 

Wir sollten wegkommen von dem moralischen Totalitarismus. Den Stolz, ihr Weg sei der richtige, sollten beide Generationen zurückstellen, sich zusammen setzten und voneinander profitieren. Das wir uns gegenseitig anfeinden und bewerten, ist ein trauriger Faktor, der uns nichts als wertvolle Zeit kostet.

 

 

 

Stand 2019

Titelfoto: Franziska von Oppenheim
Fotos: Franziska von Oppenheim 

 

 

 

 

 

 

 

 

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