KEIN STUDIO, KEIN KUNSTLICHT

TEXT: Ella Buß

 

… und natürlich die meisten Wege zu Fuß: Wie wir es geschafft haben, die Modeproduktionen für dieses Heft so nachhaltig wie möglich zu gestalten.

Im Münchner Magazin „Buy Good Stuff“ wollen wir nachhaltige Mode cool inszenieren, klar. Doch weil nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Weg dahin zählt, nahmen wir uns vor, die beiden geplanten Modestrecken so ökologisch wie möglich zu produzieren – also nicht nur bei der Auswahl der Klamotten, sondern auch bei der Arbeit hinter den Kulissen, bewusst fair vorzugehen.

Das bedeutete: zwei Shootings mit je zwölf Outfits, Fotografen, Models und Make Up-Artisten und unterschiedlichen Locations ökologisch zu organisieren und umzusetzen. Ohne großes Budget, ohne spezifisches „grünes“ Knowhow, dafür mit jeder Menge Energie und dem unbedingten Willen, in diesem Fair Fashion Guide Stylingstrecken der ganz besonderen Art zu präsentieren.

Welche Art von Mode, welche Looks sollten denn überhaupt ins Heft? Nicht bei jedem Stil gelingt die Balance zwischen trendy und nachhaltig, also entschieden wir uns zum einen für ein reines Männermode-Shooting, das wir ausschließlich mit Kleidung aus lokalen Vintage-Läden bestücken wollten. Die zweite Produktion sollte unseren Standort München widerspiegeln – mit nachhaltig produzierten Tracht-Teilen, die mit Street- und anderen Fashion-Elementen kombiniert werden, um zu zeigen, dass Tracht nicht automatisch Oktoberfest bedeutet, sondern auch cool oder elegant im Alltag getragen werden kann.

Ob Männer- oder moderne Trachten-Looks – natürlich mussten sämtliche Kleidungsstücke den Nachhaltigkeits-Anspruch erfüllen. Tagelang recherchierten wir nach Läden und Labels in München, die ökologische Textilien verkaufen, und gingen zusammen von Geschäft zu Geschäft.

Wir sprachen mit den Inhabern, schauten das Sortiment an, wählten passende Elemente aus und hätten am liebsten die Hälfte der tollen Klamotten selbst behalten. Da wir beim Männermode-Shooting eine neue, flirrende, mit den Geschlechterrollen spielende Männlichkeit zeigen wollten, tauchten wir tief in die Glitzer- und Glamourwelt der Münchner Second Hand-Läden ein: Silbern schimmernde Paco-Rabanne-Teile, Newspaper-Dresses à la Carrie Bradshaw und funkelnder Modeschmuck in Eighties-Opulenz machten die Entscheidung wahnsinnig schwer und ließen uns nur widerwillig die Geschäfte wieder verlassen…

 

Tipps vom Profi

Nächster Schritt: die Location-Suche. Das Trachten-Shooting sollte draußen, an „typisch münchnerischen“ Plätzen stattfinden. Mit unserem Fotografen Seba Hermann liefen wir also mit einem neuen, geschärften Blick durch die Stadt, checkten Locations nach freien Flächen, Verkehrsaufkommen, Erreichbarkeit – und konnten uns schnell für fünf schöne, geeignete Orte entscheiden. Die Männermode dagegen sollte vor neutralerer Kulisse inszeniert werden, was das Ganze schon schwieriger machte:  

Auch hier wollten wir ausschließlich mit Tageslicht arbeiten, konnten jedoch aus Budgetgründen kein teures Fotostudio mieten. Fündig wurden wir schließlich in der die Akademie der Bildenden Künste, die uns netterweise ihre großen, hellen Gewölbegänge zur Verfügung stellte.

 

Foto: Sebastian Hermann

 

Elektrisches Licht hatten wir damit also vermieden – was gehört noch dazu, um Shootings „grüner“ zu gestalten? Das fragten wir einen Profi: die Fotografin Johanna Link, die schon für Magazine wie Bunte, Joy und Shape gearbeitet hat. Sie nennt sich „Fair-Fashion Lover“ und versucht, in ihrem Beruf konsequent nachhaltig zu arbeiten – bislang noch eine Ausnahme in diesem Business. Johannas Erlebnisse als Assistentin bei zahlreichen internationalen Modefotografen hatten sie irgendwann zum Umdenken gebracht: „Man fragt sich schon nach dem Sinn, wenn man ein komplettes Outfit für sechzehn Euro fotografiert – oder einen Haufen Plastik-Kinderspielzeug, das man selbst niemals kaufen würde. Oder wenn das Mittagessen in einem Studio in Mailand für das zehnköpfige Team auf Wegwerf-Geschirr serviert wird, und zwar jeden Tag“. Seitdem versucht sie bewusst umweltschonender zu arbeiten. „Jeder kann mit kleinen Dingen bei einem Shooting einen Unterschied machen“, sagt die studierte Fotografin und Medientechnologin, und betont, dass sie niemanden missionieren, sondern einfach im Berufsalltag umsetzen möchte, was möglich ist – von der  Beschaffung des Equipments über die Organisation des eigenen Büros. Ein paar Beispiele? „Ausrüstung und Deko leihen, anstatt alles selbst zu kaufen. Models, Stylisten und Haar-/Make-Up-Artisten lokal buchen. Und, ganz einfach: wiederverwendbare Becher für die Getränke am Set besorgen.“

 

 Zu Fuß durch die halbe Stadt

Auch Johannas Tipp, wiederaufladbare Akkus statt Batterien zu verwenden, setzten wir um; außerhalb liehen wir uns Reflektoren, Kabel und Akkus von unserer Hochschule, der AMD. Wir besorgten Wasser in Glasflaschen und Recup-Becher für Kaffee und Tee. Tatsächlich gelang es uns auch, die allermeisten Mitwirkenden an den beiden Shootings in München ausfindig zu machen. Nur die Fotografin der Männerstrecke, Julia Nguyen, und unser Trachtenmodel Alisa kamen von außerhalb. Um Autofahrten zu vermeiden, kauften wir ihnen Zugtickets für die Anreise aus Stuttgart bzw. Augsburg.

Ganz ohne Pkw ging es im Laufe der Produktion zwar nicht, aber wir versuchten, auch da Meilen zu sparen, quetschten die Klamotten bis unters Dach und uns selbst zu fünft in einen Kleinwagen, der eigentlich nur für vier geeignet war. Beim Trachten-Shooting verzichteten wir auch darauf, liefen zu Fuß durch die halbe Stadt, vom Haus der Kunst über den Königsplatz bis zum Deutschen Museum. So kam eine Strecke von über zehn Kilometern zusammen, die wir wohl alle lieber mit dem Auto gefahren wären…

 

Kleine Dinge, große Unterschiede

Uns ist bewusst geworden, dass wir uns über einige Faktoren bei Modeproduktionen bisher nie Gedanken gemacht haben: Wie werden die Magazine, die ich jede Woche kaufe, eigentlich hergestellt und gedruckt?

Wie viel Abgase, CO2 und andere Umweltsünden hat wohl diese eine tolle Fashion-Strecke, das ich mir gerade anschaue, verursacht?

Am Ende wurde uns klar, wie viel weniger Müll wir für diese aktuellen Strecken produziert haben im Vergleich zu Shootings in vorherigen Semestern. Wir mussten keine großen Abfallsäcke mit Plastikbechern, Wegwerfgeschirr und Einmalbesteck entsorgen. Und auch keine zerknitterten riesigen Papier-Hintergründe, die nach einmaligem Benutzen in der Tonne landen.

Es waren nur die von Johanna Link empfohlenen kleine Dinge, auf die wir während unserer Produktionen geachtet haben – eben das, was möglich war. Diese Erfahrung hat uns allen gezeigt wie schwierig es ist, komplett ökologisch zu arbeiten. Doch auch, wie leicht ein Unterschied gemacht werden kann.

 

Stand 2019

Fotos: Sebastian Hermann  

 

 

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