INTERVIEW: FAIRE KLEIDUNG DURCH FAIRTRADE

INTERVIEW Sophia Bilz

 

Fairtrade – die meisten Menschen kennen das bunte Siegel vor allem von Kaffee und Kakao. Seit 1992 engagiert sich die Initiative schon im Lebensmittelhandel für bessere Preise und Arbeitsbedingungen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Kleinbauern und Arbeiterinnen auf Plantagen und in Betrieben profitieren davon. Mittlerweile kümmert sich Fairtrade auch darum, was wir auf der Haut tragen. Vorstandsfrau Claudia Brück erklärt, wie das geht.

 

Claudia Brück Geschäftsführender Vorstand Fairtrade Deutschland – Kommunikation, Politik & Kampagnen
Bildrechte: TransFair e.V. / Foto: Hanna Witte

 

Fairtrade engagiert sich inzwischen auch in der Textilindustrie. Wie sieht Ihre Arbeit in diesem Bereich aus?

2007 haben wir erstmalig Baumwolle zertifiziert, das war dann auch der Einstieg in das Textilthema. Für uns ein logischer erster Schritt, weil wir uns immer erst um den Rohstoff kümmern und wer ihn anbaut. Ähnlich wie bei Kaffee sind die Arbeitsbedingungen beim Anbau von Baumwolle sehr kritisch und die Diskussion darum war schon 2007 sehr präsent. Unser erster Baumwollstandard legte unter anderem eine Transparenz der Lieferkette fest und dass die wichtigsten Normen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) eingehalten werden. Der Fokus lag aber ganz klar bei den Baumwollbauern selbst.

 

Wie werden die Standards überhaupt entwickelt?

Wie bei all unseren Produkten ist der Standard von Baumwolle nach einem einheitlichen System aufgebaut. Es geht hauptsächlich um Oraganisationsentwicklung, Demokratieaufbau, Partizipation und Selbstbestimmung, was im Baumwollbereich, zu Beispiel in Indien besonders schwierig ist. Frauen dürfen nicht erben und viele Kleinbauern sind nicht in einer Kooperative organisiert, sondern unter „Contract-Production“, sprich Vertragsanbau. Ein Drittel des Standards bezieht sich auf Bereiche, die die Umwelt betreffen, wie Wasser- und Umweltmanagement, die Anpassung an den Klimawandel, was darf man an Pestiziden nutzen und die Förderung von Bioanbau. Wenn das geschafft ist, kommt es zur Festlegung von Mindestpreisen und dem Bioaufschlag. Diese Elemente sind absolut notwendig, um einen Fuß in die Textilindustrie hinein zu bekommen, sie auch von Grund auf zu verstehen.

Der kritischste Punkt in diesem Bereich ist wohl, dass wir unsere Baumwolle physisch rückverfolgbar haben wollen. Letztendlich ist die Transparenz der Schlüssel für Veränderung. 2016 haben wir den Textilstandard veröffentlicht. Obwohl es schon viele gute Ansätze in dem Bereich gibt, haben wir einen eigenen Standard definiert und ihn um zwei Elemente erweitert, die wir ansonsten in der ganzen Branche nicht gefunden haben. Zum einen haben wir einen Standard, der die gesamte Lieferkette betrifft und zum anderen wollten wir einen Entwicklungsstandard, der daran arbeitet, dass in sechs Jahren alle Beteiligten in dieser Lieferkette ein existenzsicherndes Einkommen bekommen. Das sind zwei Elemente, die es sonst in keinem anderen Standard gibt.

 

Welche Kriterien muss ein Produkt erfüllen, um das entsprechende Siegel zu erhalten?

Unter dem Fairtrade Textilsiegel müsste gewährleistet sein, dass die gesamte Lieferkette zertifiziert ist und eine Reihe von Kriterien erfüllt sind, wie die ILO Kernarbeitskriterien, Umweltkriterien, der nachhaltige Umgang mit Ressourcen, die Entsorgung von Abwasser, Arbeitssicherheit und so weiter. Gleichzeitig soll das Entstehen eines gewerkschaftlichen Arbeitens gefördert werden. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sollen darin bestärkt werden, sich für ihre Interessen einzusetzen und sich an den Verhandlungen ihrer Löhne zu beteiligen. Das alles ist zu erfüllen. Es ist sehr umfangreich und hat uns zu dem Problem gebracht, dass wir bisher noch kein Textil haben, dass diese Kriterien komplett erfüllt und somit das Siegel trägt. Aber wir haben drei Unternehmen, die mit uns zusammen im Rahmen unseres Textilprogramms arbeiten, das wir neben dem Standard ausgearbeitet haben. Dieses Programm soll Fabriken und Schulen unterstützen beziehungsweise aufbauen, sodass der Standard in naher Zukunft erfüllt werden kann.

 

Wie sieht die Arbeit und Organisation vor Ort denn aus? Werden hier bestimmte Teams in die entsprechenden Länder oder Gebiete geschickt? Wie kann man sich das vorstellen?

Fairtrade hat in Lateinamerika, Asien und Afrika bereits jeweils ein kontinentales Produzentennetzwerk, das die Interessen der Arbeiter und Kleinbauern vertritt und unser permanenter Arm in diesen Ländern ist. Was wir an Beratung vor Ort ermöglichen wollen, führen die Kollegen, die dort das ganze Jahr leben, durch. Wir haben bei Fairtrade International eine ausgewiesene Textilspezialistin, die auch die treibende Kraft für die Entwicklung des Textilstandards war. Sie hat gemeinsam mit unseren asiatischen Kollegen in Indien und Bangladesch, wo wir im Bereich Textilien erst einmal unseren Fokus gelegt haben, zunächst einmal ausgearbeitet, wie die folgenden Schulungen aussehen können und müssen.

Derzeit haben wir in Indien vier Stellvertreter, die vor Ort agieren, Kontakte knüpfen, in den Fabriken Trainings anbieten und durchführen. Teilweise können sie diese alleine durchführen und ansonsten wird überlegt, in bestimmten Fällen zusätzliche regionale Experten hinzuzuziehen. Mittlerweile haben wir über 100 Schulungen durchgeführt, was zeigt, dass das Interesse vor Ort groß ist und dadurch gleichzeitig eine Entwicklung vor Ort stattfindet. Ein großer Erfolg, auch wenn es das Produkt mit unserem Siegel noch nicht gibt.

 

Wie setzen Sie das Thema Nachhaltigkeit in Ihrem persönlichen Alltag um?

Im Nahrungsmittelbereich bin ich sehr rigoros. Wenn ich keinen Fairtrade Kaffee oder keine Fairtrade Banane finde, trinke oder esse ich das nicht. Aber bei Textilien ist es so, dass es ein Mix ist aus Maßhalten, Tauschgeschäften mit den Freundinnen und dem Kauf von Textilien, die bestimmte Siegel, wie zum Beispiel das GOT Siegel tragen.

 

Anfang September wurde das erste staatliche Siegel eingeführt. Wie ist Ihre Meinung zu dem bis dato sehr umstrittenen „Grünen Knopf“?

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) hat erstmals definiert, was ein staatliches Siegel sein soll, was per se eine gute Voraussetzung dafür ist, in der öffentlichen Beschaffung ganz andere Schritte zu gehen. Die öffentliche Hand ist der größte Einkäufer in Deutschland und wenn eine Maßnahme dazu führt, dass jetzt mehr nachhaltige und faire Textilien in der Beschaffung berücksichtigt werden, ist das erstmal gut. Es gibt zudem zwei spannende Aspekte, bei denen ein Unternehmeransatz und ein Produktansatz kombiniert werden. Sprich, sowohl das Unternehmen an sich, als auch das Produkt des Unternehmens, müssen gewisse Kriterien erfüllen. Erst in der Kombination der beiden Voraussetzungen gibt es dann den Grünen Knopf.

Das geht Richtung Lieferkettengesetz und ist somit schon mal gar nicht schlecht. Aber, und jetzt kommt mein Wermutstropfen: Herr Müller ist mit der Intention gestartet, etwas zu entwickeln, das vom Baumwollfeld bis an den Kleiderbügel reicht und jede Näherin dazu befähigt, unter existenzsichernden Bedingungen zu arbeiten. Das sagte er und trotzdem sind diese beiden Elemente nicht in dem Grünen Knopf abgebildet. Das heißt, wir reden bis dato lediglich von einem Start. Man sollte jetzt nicht vorschnell urteilen, sondern die zukünftigen Entwicklungen aufmerksam beobachten. In zwei Jahren muss man schauen, ob das Versprechen, dass eigentlich hinter dem Grünen Knopf steht, wirklich erfüllt worden ist. Dazu müssten weitere Produktionsstufen hinzugefügt werden und der existenzsichernde Lohn als Voraussetzung für den Grünen Knopf festgelegt worden sein.

 

Im Moment sind tatsächlich nur zwei Bereiche der Lieferkette durch den Grünen Knopf abgedeckt. Sehen sie dadurch eine Gefahr von „Greenwashing“ in Bezug auf das Siegel?

Ich denke, das BMZ muss vor allem in Hinsicht auf sein Marketing aufpassen und den Grünen Knopf nicht als „faires Textil Siegel“ verkaufen. Die Kriterien geben diese Verkürzung nicht her. Andererseits wissen wir, dass das Ministerium etwas bewegen wollte. Deshalb ist es wichtig, es dabei zunächst zu unterstützen. Das ist der politische Spagat, den wir gerade machen müssen. Zum einen festzuhalten, dass es zumindest ein guter Anfang ist, und sich dennoch nicht voll und ganz zufriedengeben.

 

Bis dato ist es ja lediglich eine freiwillige Selbstverpflichtung. Wäre ein Gesetz, vielleicht sogar auf EU-Ebene, nicht sinnvoller?

Ja, ich denke gerade in diesem internationalen Geschäft nützen nationale Ansätze wenig. Aber man muss irgendwo anfangen. Der nächste Schritt muss definitiv auf europäischer Eben stattfinden und im besten Fall für alle Unternehmen verpflichtend sein. Wir hoffen, dass es als freiwillige Initiative nicht verpufft, sondern die folgenden Schritte, die gesamte Produktionskette betreffend, gegangen werden.

 

Was sind für Sie die wichtigsten Schritte, die als nächstes gegangen werden müssen?

Jedes Unternehmen muss die eigene Einkaufspraxis überdenken. Gleichzeitig müssen die beiden Hauptfaktoren, Zeit- und Kostendruck, die die Industrie antreiben und zu den katastrophalen Zuständen geführt haben, angegangen werden. Dementsprechend müssen sich die Unternehmen Schritt für Schritt ihre eigene Lieferkette angucken und sich im Anschluss daran für ihre Lieferanten- und Produktionspartner entscheiden oder von ihnen verabschieden. Es gibt inzwischen genügend Organisationen, die bereit sind, Unternehmen auf diesem Weg zu unterstützen. Gleichzeitig müssen wir als Verbraucher mit offenen Augen und Ohren immer wieder deutlich zeigen, dass wir eine faire Textilindustrie wollen, denn die Primarks und Co. sind auch heute noch voll. Ein Umdenken auf großer Ebene ist hier das Ziel.

 

Sind Sie der Meinung, dass ein solches Umdenken letzten Endes staatliche Vorgaben voraussetzt?

Ich glaube, dass man jenseits der Nische im Mainstream nur eine Veränderung anstoßen kann, wenn es die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür gibt. Unternehmen, die es anders machen wollen als die „Big Player“, müssen in zweifacher Hinsicht mit ihnen konkurrieren. Sie müssen einerseits höhere Kosten tragen und andererseits umso mehr Aufwand betreiben, um überhaupt bemerkt zu werden. Müssten die großen Unternehmen hingegen ihre gesamte Lieferkette darlegen, würde das den Wettbewerb schon deutlich fairer machen.

 

Der 1992 gegründete Verein TransFair ist die deutsche Mitgliedsorganisation von Fairtrade Interantional. Neben dem Vereinsnamen trägt die Initiative daher auch den Namen Fairtrade Deutschland. Der Verein hat wiederum über 30 Mitgliedsorganisationen. Im Kölner Büro arbeiten mehr als 50 Menschen für bessere Lebensperspektiven benachteiligter Produzenten und Produzentinnen in Asien, Lateinamerika und Afrika. 

 

Stand 2019

 

Titelfoto: Näherinnen in Indien – Fotograf: Anand Parmar

 

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